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Saturday, 7 january 2017 | ZEIT ONLINE

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'Ein starkes Comeback' von Michael Ebmeyer

Der Schriftsteller Michael Ebmeyer ist seit langem Liebhaber und Kenner Kataloniens. Ob Funken sprühende Feste oder der unbeirrbare Wunsch nach Unabhängigkeit – ihn fasziniert dieses "kleine, wunderbar unübersichtliche Land", das sich gerade wieder durchboxt ins Bewusstsein der Welt.

Foto: Feuerwerk und Dämonen aus Pappmaschee: Die Katalanen brennen für den Correfoc, das Fest, bei dem der Teufel los ist. Nur ahnungslose Touristen verletzen sich dabei. © Tim Langlotz für MERIAN




ZEIT ONLINE
 
5.Januar.2017
 
Von Michael Ebmeyer 
 
Dass ich Katalonien endgültig verfallen war, merkte ich, als mir sehr heiß wurde. Ich meine nicht am Strand – es gibt herrliche Strände in Katalonien, aber die gibt es ja woanders ebenso. Ich meine auch nicht beim Wandern im Priorat, obwohl Wandern im Priorat mit das Schönste ist, was man im Leben machen kann. Nein, ich meine beim Correfoc.

Correfoc, das heißt Feuerlauf und ist in fast jeder katalanischen Gemeinde der Höhepunkt der Festa Major – des jährlichen mehrtägigen Sommerfestes zu Ehren der örtlichen Schutzheiligen. Beim Correfoc drücken diese Heiligen ein Auge zu, denn da ist der Teufel los. Buchstäblich. Da tut die Hölle ihren Schlund auf und entlässt ihre Kreaturen: Drachen und Feuerbestien aller Art, bis hin zu Flammen speienden Riesenmaultieren. Und um diese pyromanischen Pappmaschee-Monster herum wimmeln Mengen von rasenden Dämonen, die Funken sprühende Forken schwingen. Der Donner der Trommeln und das Quäken der gralles, der katalanischen Schalmeien, gehen bald unter in dem Lärm, mit dem das Pandämonium Jagd aufs Publikum macht. Wer dabeisteht, wird gnadenlos mit hineingerissen in den Taumel aus Licht und Krach und Hitze; wird durchgeschüttelt, aufgerüttelt, durcheinandergewirbelt; und tastet sich dann irgendwann, rußverschmiert und schweißgebadet, aus einem ganz anderen Bewusstseinszustand wieder zurück in die Normalität.
 
Wenn es darum geht, Katalonien oder die Katalanen zu charakterisieren, muss oft das Brauchtum herhalten. Vorzugsweise die Sardana, der komplizierte Ringelpiez, zu dem der Künstler Santiago Rusiñol das Bonmot prägte: "Die Sardana hat den Rhythmus Kataloniens – das Herz tanzt, der Kopf rechnet." Oder auch die castells, die berühmten Menschentürme, deren Bau in Katalonien Volkssport ist und ein besonders eindrucksvolles Sinnbild für die Tugend des sozialen Zusammenhalts abgibt. Ich finde aber den Correfoc genauso vielsagend. Als Ritual, um "mal alles rauszulassen" und ein Tänzchen mit den Dämonen, auch den eigenen, zu wagen. Ein Ritual übrigens, das über Jahrhunderte erprobt ist und bei dem die Einzigen, die sich verletzen, leichtsinnige Touristen sind. Wenn Sie also mitwirbeln wollen, ziehen Sie bitte keine Sonntagskleidung an, Kapuze und Augenschutz verstehen sich von selbst.
 
So ein Correfoc ist das Hochamt der rauxa. Und rauxa (gesprochen "rauscha") ist das, wonach es klingt: ein Zustand der Übergeschnapptheit, der einem alten Klischee zufolge die eine Seite des katalanischen Wesens ausmacht. Die andere Seite ist demnach seny (gesprochen "senj") – Besonnenheit, Vernunft, Geschäftssinn. Um die vermeintlich nüchternen Katalanen gegen die ach so impulsiven Spanier abzugrenzen, hieß es bei dieser Zuschreibung früher gebetsmühlenhaft, seny sei die Regel und rauxa die seltene Ausnahme. Man macht ja auch nicht jede Woche einen Correfoc. In den letzten Jahren aber hat sich das katalanische Image gerade in Deutschland stark in Richtung rauxa verschoben: Wie können die so verrückt sein, sich von Spanien loslösen und ihren eigenen Staat gründen zu wollen?
 
Das lassen Sie sich am besten von ihnen selbst erklären. Hier nur so viel: Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass die Unabhängigkeitsdebatte für viele Katalanen und auch für viele Spanier ein riesiges und sehr aufwühlendes Thema ist. Und versuchen Sie es weniger einseitig zu betrachten, als es die deutsche Presse oft tut. Wenn es um den katalanischen independentisme geht, übernehmen die Korrespondenten, die ja durchweg in Madrid sitzen, erstaunlich unkritisch die Haltung spanisch-zentralistischer Kreise. Da ist viel ranziges Ressentiment im Spiel, auch immer noch viel unverdaute Propaganda aus der Franco-Zeit, als der Diktator aus Spanien eine rückständige Monokultur machen wollte.

Je nach politischen Vorlieben mag man die katalanisch-spanische Geschichte unterschiedlich bewerten, zweierlei lässt sich aber kaum abstreiten. Erstens: Dass Katalonien heute zu Spanien gehört, ist die Folge einer gewaltsamen Besetzung, nicht einer freiwilligen Übereinkunft. Die Kapitulation Barcelonas im Erbfolgekrieg besiegelte 1714 die Eingliederung der katalanisch-sprachigen Gebiete in das Reich der Bourbonenkönige. Zweitens: Jahrhundertelang hat sich dieses siegreiche Spanien mal mehr, mal weniger rabiat bemüht, die katalanische Sprache und Kultur zu unterdrücken. Am schlimmsten unter dem Franco-Regime, für das die eigensinnigen Katalanen neben den Kommunisten und den Anarchisten das Hauptfeindbild waren. Vor diesem Hintergrund reagiert die katalanische Bevölkerung auch heute noch sehr hitzig, wenn der spanische Staat, so wie in den letzten Jahren, wie- der versucht, ihre mühsam erkämpften Autonomierechte zurückzuschneiden.
 
In Sachen internationaler PR hat sich für Katalonien allerdings inzwischen einiges getan, auch in Deutschland. Vorbei sind die Zeiten, als sich ein Reisemagazin wie dieses unter dem Titel "Barcelona, die Costa Brava und die Pyrenäen" versteckte. Vorbei auch die Zeiten, als man sofort über den FC Barcelona reden musste, wenn man einem deutschen Publikum Katalonien näherbringen wollte. Barça bleibt natürlich trotzdem ein unerschöpfliches Gesprächsthema. Und eine Leidenschaft. Aber inzwischen hat Deutschland ja persönliche Bekanntschaft mit Pep Guardiola gemacht, dem besten Botschafter, den Katalonien – und übrigens auch die katalanische Unabhängigkeitsbewegung – je hatte.

Katalonien ist uns also ein Begriff geworden. Damit ist viel erreicht, denn genau dies hatte Franco lange über seinen Tod hinaus zu verhindern gewusst. Der vielleicht gespenstischste außenpolitische Erfolg der Diktatur war es, Katalonien aus dem internationalen Bewusstsein zu löschen. So wurde für die sonnenhungrigen Deutschen ausgerechnet die urkatalanische Costa Brava zum Inbegriff von Spanien, mit Siesta und Sangria, mit Stierkampf und Kastagnettentanz. Und die Umgewöhnung fällt bis heute manchem schwer. Noch immer nicht ganz vorbei ist die Zeit, in der sich Deutsche, die Katalonien bereisen oder sogar bewohnen, seltsam pikiert über die katalanische Sprache zeigen; als wäre sie eine Schikane, die sich die Einheimischen ausgedacht hätten, um Touristen aus der Ruhe und lernfaule Expats in Verlegenheit zu bringen.
 
Dabei wird überreich belohnt, wer sich auf Katalonien und seine Eigenheiten einlässt. Gerade die sind nämlich ein Genuss. Sei es auf kulinarischer Ebene (jeder der 41 katalanischen Landkreise, ja fast jeder kleine Ort hat seine Spezialitäten, zwischen erdig-deftig und himmlisch-köstlich), seien es die Volksfeste mit all ihren tanzenden Riesen, Schwellköpfen und Feuerbestien, oder sei es die Anmut der Unterkünfte. Vergessen Sie die Betonburgen – kaum sonstwo auf Erden haben Sie eine solche Auswahl an zugleich unbeirrt geschmackvoll eingerichteten und herzlich-familiär geführten Hotels und Pensionen.

Auf kleinem Raum, nicht viel größer als Belgien, versammelt Katalonien eine betörende Vielfalt an Landschaften und Seltsamkeiten. Von Mittelmeer bis Hochgebirge. Von den endlosen Reisfeldern im Ebrodelta bis zum schwarzfelsigen, sturmzerzausten Cap de Creus. Von der schwirrenden Metropole Barcelona bis zu wie aus der Welt gefallenen winzigen Pyrenäendörfern. Von römischen Ruinen bis zum fabelhaften Modernisme von Antoni Gaudí und seinen Kollegen. Vom Aplec del Caragol in Lleida, zu dem sich immer Ende Mai 200.000 Feinschmecker versammeln, um 12 Tonnen Schnecken zu verspeisen, bis zur Cursa a Pèl, dem jährlichen Nachtrennen der Nackten im Küstenort Premià de Mar. Vom herzwärmenden Celloklang beim Festival des großen Pau Casals bis zur Elektro-Avantgarde beim Sónar-Festival. Von den kalkulierten Delirien Salvador Dalís bis zu den Chaos-Comics um Clever & Smart – die im Original Mortadelo y Filemón heißen und in Barcelona zu Hause sind.

Das Einzige, was Katalonien garantiert nicht zu bieten hat, ist Übersichtlichkeit. Zum Glück.


 


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