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Friday, 27 april 2018 | ARA

Deutsch

Freie Männer und Frauen auf freiem Grund

Jedem einigermaßen sachkundigen Leser kommt bei Katarina Barleys Worten die Essenz von Goethes Faust in den Sinn.


ARA
11.04.2018
 
Prof. Dr. Xavier Antich (Universität Girona, Katalonien)

„Die Konstruktionen der Geschichte sind militärischen Ordres vergleichbar, die das wahre Leben kuranzen und kasernieren. Dagegen der Straßenaufstand der Anekdote“. So schrieb es Walter Benjamin, einer jener „Menschen in finsteren Zeiten“, von denen Hannah Arendt spricht und auf die man sich besonders in unserer so schmerzlichen Gegenwart zurückbesinnen sollte, in einer Zeit, die uns auf immer eingebrannt im Gedächtnis verbleiben wird angesichts der Untersuchungshaft von zu Unrecht angeklagten Mitbürgern, des Exils von ihrer Denkweise wegen verfolgten Politikern, die ihren demokratisch über die Wahlurnen zum Ausdruck gebrachten Auftrag ernst genommen haben, und der im großen Stil angelegten Repression des spanischen Staates gegenüber jedweder Dissidenz.

Oft sind es die kleinen Gesten, die uns am beredsamsten eine Erfahrung, ein Geschehnis verstehen lassen. So zeigt dies etwa der Historiker Carlo Ginzburg auf, dem es mit seinem Buch „Der Käse und die Würmer“ in bewundernswerter Weise gelang, über die Gerichtsprotokolle des Inquisitionsverfahrens gegen einen einfachen friaulischen Müller in die Mentalität des 16. Jahrhunderts vorzudringen. Wenn man solche Texte und Aussagen tief genug durchforscht, so Ginzburg, selbst gegen die Absicht jener, die sie als solche verursacht haben, dann können Stimmen ans Tageslicht kommen, die sich bis zu einem gewissen Grad der Kontrolle entzogen haben, Absichten, die kaum je eine explizite Formulierung fanden, und geistige Rahmen, die Worte und Taten bis hin zu ungeahntem Extremismus führen.

Der Beschluss der drei Richter am Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgericht, den Präsidenten der katalanischen Regierung Puigdemont auf freien Fuß zu setzen und das Delikt der Rebellion, mit dem dessen Auslieferung nach Spanien gefordert wurde, vom europäischen Haftbefehl auszuschließen, wurde von der deutschen Justizministerin Katarina Barley als „absolut  korrekt“ begrüßt, wobei die promovierte Juristin der Universität Marburg Spanien außerdem auch ganz nebenbei ermahnte, die derzeit noch zur Prüfung anstehende Anklage wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder nicht als gemachte Sache betrachten zu wollen. Diese Erklärungen sind gewiss keine Anekdote, sondern wohl eher die Feststellung der bei einer großen Mehrheit unabhängiger Juristen vorherrschenden Überzeugung hinsichtlich der Unangemessenheit der vorgebrachten Anklage und im Besonderen der auf internationaler Ebene bestehenden Einstufung des vom spanischen Obersten Gerichtshof vorangetriebenen Verfahrens als paragerichtlicher Wahnwitz, dem durch den Beschluss des deutschen Gerichts jegliche Grundlage entzogen wurde. Deshalb – und das darf nicht verwundern – haben diese Erklärungen einen politisch wie mediatisch aufbrausenden Sturm bei den Verteidigern des Artikels 155 der spanischen Verfassung und der institutionellen Verfolgung der Unabhängigkeitsbewegung hervorgerufen, und zwar über das gesamte ideologische Spektrum hin, von Federico Jiménez Losantos bis zu den Leitartiklern der Tageszeitung El País.
 
Die wirklich bezeichnende Anekdote, die Geste, auf die ich hier in diesem Zusammenhang verweisen wollte, sind ein paar Worte, die Frau Barley ihren von der Süddeutschen Zeitung off the record eingeholten – und überdies von der Ministerin zu keinem Zeitpunkt dementierten oder in Abrede gestellten – Erklärungen hinzufügte. Konkret kommentierte sie nämlich, dass Puigdemont im Falle einer Ablehnung des europäischen Haftbefehls „ein freier Mann in einem freien Land“ sein werde – eine Aussage, die die Süddeutsche Zeitung dann glatt auch als Titel ihrer Reportage wählte. Treffende Worte in lapidarer Formulierung, bei denen jedoch jedem einigermaßen sachkundigen Leser ohne weiteres die Worte in den Sinn kommen, die Goethe seinem Faust kurz vor dessen Tod in den Mund legt und die, wenn sie von einer Person wie Barley kommen, viel mehr bedeuten, als der bloße Wortlaut zum Ausdruck bringt, treffen sie doch ins Herz einer tiefen ideologischen Überzeugung, die maßgebend für die deutsche Aufklärung und über sie der europäischen Moderne ist.

Bekanntermaßen beruht Goethes Faust auf einer alten mittelalterlichen Legende, deren Hauptfigur einen Pakt mit dem Teufel schließt. In der von Goethe vorgelegten Fassung verspricht Faust Mephistopheles seine Seele, wenn dieser ihm eine so vollends perfekte, so unbestreitbar erhabene Realität vor Augen führen kann, dass er sich danach nichts Höheres und Besseres mehr vorzustellen in der Lage ist. Wenn also dieser Augenblick gegeben ist, bei dem Faust sein berühmtes „Verweile doch, du bist so schön!“ über die Lippen bringt, dann vermacht er seine Seele dem Teufel – für alle Ewigkeit und im vollen Bewusstsein, dass er sich nie mehr, so lange er auch leben mag, einen vollkommeneren Augenblick erhoffen kann.

Mephistopheles führt Faust nun über Seiten und Seiten hinweg alle nur erdenklichen Wunder der Welt vor Augen; das Einzige aber, was Fausts vermessenes Begehren befriedigen kann, ist eine Szene, bei der es einer Gruppe von Männern dank eifrigster Tatkraft gelingt, ein alles verpestendes Sumpfgebiet trocken zu legen und in ein Gelände zu verwandeln, in dem viele Millionen „nicht sicher zwar, doch tätig-frei“ wohnen können. Und dies im Bewusstsein dessen, was Faust in unvergesslichen Versen zum Ausdruck bringt: „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.“ Das ist der erhabenste Augenblick, der Augenblick, der die Hingabe der Seele rechtfertigt und der aufgrund seiner absoluten Schönheit länger verweilen soll. Die Worte, mit denen Faust diesen Moment beschreibt, sind vielleicht die reinste Essenz des radikalen Ehrgeizes der deutschen Aufklärung und der europäischen Moderne: „Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.“

Und das wird Puigdemont Katarina Barleys Worten nach sein, wenn sich das Oberste Landesgericht von Schleswig-Holstein schließlich für eine Ablehnung der Auslieferung entscheidet: „Ein freier Mann in einem freien Land.“ Das gleiche Ideal der aufgeklärten europäischen Moderne, das Schiller in seiner Ode „An die Freunde“ besingt und das Beethoven dann als Chorfinale seiner neunten Symphonie, der europäischen Hymne, eingliedert. Wenn man die Worte Barleys hört und sich dabei vor Augen hält, was sie implizit bedeuten, dann ist das Wenigste, was man dazu sagen kann, das, dass das moderne Europa als Tochter der Aufklärung hier und die Apparate des spanischen Staates dort tatsächlich verschiedene Sprachen sprechen. Es ist sicher nicht allzu kühn sich vorzustellen, dass sich hinter den Worten der Ministerin eine Überzeugung verbirgt, die von uns, von zwei Millionen Menschen, geteilt wird, nämlich: dass Spanien, heute, weder ein freier Grund noch ein Ort für freie Männer und Frauen ist.
 


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