Col·lectiu Emma - Explaining Catalonia

Sunday, 25 march 2018 | WELT

Deutsch

„Die spanische Regierung hat Katalonien eine Falle gestellt“

 Carles Puigdemont, katalanischer Ex-Premier, fordert Verhandlungen – beharrt aber auf seinen Positionen


WELT
19-03-2018
 
Von Andrés Allemand, Marc Allgöwer

Vor knapp fünf Monaten floh Carles Puigdemont nach Brüssel, dort lebt er seitdem im Exil. Nun reiste er nach Genf, um am Filmfestival und einem internationalen Forum über Menschenrechte teilzunehmen.

WELT:
Suchen Sie in der Schweiz Unterstützung für Ihre Verhandlungen mit der spanischen Regierung?

Carles Puigdemont:
Ich bitte nicht ausdrücklich darum. Doch alles, was man vom Ausland aus zur Förderung eines Dialogs beitragen kann, ist im Interesse Kataloniens, der Spanier und aller Europäer. Ich kann mir keine Lösung ohne Verhandlungen vorstellen, und zwar mit einer dritten Partei, die dabei die Rolle des Vermittlers übernimmt. Ich verlange von der Europäischen Gemeinschaft nicht, die Unabhängigkeit Kataloniens zu unterstützen, sondern dass sie die Bürgerrechte und die fundamentale Politik stärken und damit die Basis unserer Zivilisation, der Demokratie und des Friedens.

Sie zitieren die Schweiz oft als Beispiel für Dezentralisierung. Könnte man das auch in Spanien anwenden?
Man fragt mich immer wieder, ob Unabhängigkeit die einzige Lösung sei. Und ich antworte darauf, dass es nicht der einzig mögliche Weg ist. Wir sind bereit, auch an anderen Modellen mitzuarbeiten, um so zu einer Einigung zu gelangen. In der Schweiz wird die kulturelle Vielfalt ebenso respektiert wie die sprachliche, und das zeigt, dass eine Koexistenz absolut möglich ist. Doch wenn wir damit Erfolg haben wollen, müssen wir erst einmal zugeben, dass da tatsächlich ein politisches Problem besteht. Der eine muss den anderen als politisches Subjekt anerkennen, mit dem man einen Dialog führen kann, und zwar ohne irgendeine rote Linie. Und genau das ist uns im Fall Spanien nicht gelungen. Wir sind daran gescheitert, dem spanischen Politiksystem klarzumachen, dass wir miteinander reden müssen. Und dass man uns als politische Akteure anerkennen und nicht wie Kriminelle behandeln sollte.

Manche sehen Sie als Märtyrer, andere als jemanden, der davongelaufen ist. Als was sehen Sie sich?
Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich mich nie in einer illegalen Situation befunden habe. Ich habe mich der belgischen Justiz zur Verfügung gestellt. Ich habe nur meine eigenen Rechte im Rahmen der europäischen Gesetze genutzt. Außerdem bin ich sicherlich nicht zum Märtyrer berufen. Ich mache Politik. Aber ich rebelliere gegen die Lage meiner Kameraden, die im Gefängnis sitzen. Das ist eine unerträgliche Ungerechtigkeit. Ich bin ein demokratischer und pazifistischer Kämpfer.

Wenn Sie heute alles noch einmal tun müssten – würden Sie genauso handeln?
Da gibt es schon etwas, was ich anders machen würde. Am 10. Oktober wollten wir eigentlich die Unabhängigkeit Kataloniens erklären, aber damals habe ich entschieden, die konkreten Konsequenzen aufzuschieben, um doch noch eine Möglichkeit zum Dialog mit der spanischen Regierung offenzuhalten. Das hatte man mir aus Madrid damals vorgeschlagen.

Wer ist „man“?
Dabei handelte es sich um direkte Quellen aus der spanischen Regierung, von ihrem Vermittler und auch noch anderen. Ich habe also verantwortungsvoll gehandelt, wenn auch riskant, denn die ganze Welt erwartete eine tatsächliche Ankündigung. Ich habe mich entschieden, dem Dialog eine Chance zu geben. Leider war das jedoch eine Falle, denn es folgte keinerlei positive Reaktion vonseiten der Regierung. Wenn ich das noch einmal tun könnte, würde ich die Unabhängigkeitserklärung nicht aufschieben.

Ihr Freund, Ex-Minister Santi Vila, hält Ihre Strategie für zu frontal, da die Katalanen bezüglich der Unabhängigkeit uneinig seien...
Das ist Santi Vilas Version. Es ist sein gutes Recht, aber die Realität sieht anders aus. Sicherlich gab es hier eine Konfrontation – aber wir haben die nicht gewollt! Keiner von uns hätte erwartet, dass der spanische Staat derartig gewalttätig reagiert, mit so viel Unterdrückung! Wie der Großteil der Bevölkerung dachte auch ich, dass 40 Jahre nach Francos Tod die Reaktion eher demokratisch als autoritär ausfallen würde. Wir boten Spanien die Chance an, ein ganz offensichtliches politisches Problem zu regeln. Was wirklich schlimm ist, das ist nicht die Tatsache, dass innerhalb einer Gesellschaft die Meinungen auseinandergehen. Verschiedene Ideen konfrontieren zu können ist schließlich die Grundlage einer Demokratie! Es wird erst dann zu einem Problem, wenn man sich gegenseitig nicht mehr die Mittel zugesteht, um mit diesen verschiedenen Ansichten umzugehen. Genau daran kann ein politisches System scheitern. Doch man gibt der katalanischen Bevölkerung keine Stimme, und so können wir auch nicht herausfinden, wie viele in einem unabhängigen Staat leben und wie viele lieber so weitermachen wollen wie bisher.

Weil Spaniens Verfassung das nicht zulässt, meinen Sie?
Nein, da fehlt es einfach am politischen Willen. Die Verfassung verbietet in dieser Hinsicht gar nichts. Man zitiert uns gegenüber oft den zweiten Artikel (Anm. d. Red.: Die unauflösbare Einheit der spanischen Nation und das Recht der Autonomie von verschiedenen „Nationalitäten“ und Regionen), doch der Artikel 10 präzisiert, dass Verfassungsnormen im Einklang mit der universellen Erklärung der Menschenrechte und den von Spanien ratifizierten internationalen Verträgen und Abkommen ausgelegt werden müssen. Nun, in der Charta der Vereinten Nationen zu den zivilen und politischen Rechten wird in Artikel 1 bekräftigt, alle Völker hätten das Recht auf Selbstbestimmung. Und niemand bestreitet, dass die Katalanen ein Volk sind. Wir wollten eine Einigung mit Madrid erzielen, um unser Recht der Selbstbestimmung ausüben zu können. Aber man verbot uns, die Bevölkerung zu befragen!

Als sich in der Schweiz eine französischsprachige Region von einem deutschsprachigen Kanton abspalten wollte, musste das ganze Land darüber entscheiden. Würden Sie es akzeptieren, dass alle Spanier über die Zukunft Kataloniens abstimmen?
Das habe ich nie abgelehnt. Außerdem wäre das Ergebnis in Katalonien wirklich sehr aufschlussreich. Das heißt, in den meisten Fällen ist es doch ein Territorium, das ein Staat werden und so eine eigene Stimme bekommen will. Nehmen Sie doch Schottland, oder sogar den Brexit.

Was haben Sie jetzt vor?
Wollen Sie weiterhin Kandidaten vorschlagen, die Madrid dann an einer Amtsausübung hindern wird?
Was wäre denn die Alternative? Sich unterwerfen?
Wie soll Ihre künftige Rolle aussehen?

Kommt darauf an. Wenn der spanische Staat am Ende wirklich nicht begreift, dass wir endlich miteinander reden und Politik machen müssen, wenn er weiterhin auf Unterdrückung und auf Strafverfolgung setzt, dann werde ich möglicherweise mehrere Jahre im Exil verbringen. Aber das ist nicht das, was ich will. Ich arbeite an einer Verhandlungsbasis für eine politische Lösung.

Leading - European - Newspaper - Alliance: In Kooperation mit „Tribune de Genève“. Aus dem Französischen von Bettina Schneider
 


Very bad Bad Good Very good Excellent (2 vòtes)
carregant Loading




Lectures 2004 visits   Send post Send


Col·lectiu Emma - Explaining Catalonia

Col·lectiu Emma ist ein Netzwerk von Katalanen und Kennern des Landes, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Berichte über Katalonien in den internationalen Medien zu sammeln und auszuwerten. Dabei ist es unser Ziel, daß die Weltöffentlichkeit ein möglichst faires und neutrales Bild über Kataloniens Vergangenheit und vor allem über seine aktuelle Entwicklung bekommt.

Unser Ziel ist es, eine zuverlässige und allseits anerkannte Informationsquelle über Katalonien von einem katalanischen Gesichtspunkt aus zu werden.

[More info]

quadre Traductor


quadre Newsletter

If you wish to receive our headlines by email, please subscribe.

E-mail

 
legal terms
In accordance with Law 34/2002, dated 11 July, regarding information services and electronic commerce and Law 15/1999, dated 13 December, regarding the protection of personal data, we inform you that if you don’t wish to receive our newsletter anymore, you can unsubscribe from our database by filling out this form:








quadre Hosted by

      Xarxa Digital Catalana

Col·lectiu Emma - Explaining Catalonia